Die Pfeilschussverletzung des Ötzi: War sie primäre Todesursache?

Bereits gestern, Donnerstag 09.11.2017, erfuhr ich über den Info-Screen auf der Universität Wien, Bereich Biologie / Anthropologie, daß es demnächst eine Defensio mit dem Titel "Die Pfeilschussverletzung des Ötzi: War sie primäre Todesursache? - Der Versuch einer topographischen Rekonstruktion"sein wird. Allerdings ging etwas mit dem Mitteilen schief. Zwar wurde in einer Schleife über demnächst anstehende "Ereignisse" der Titel am Info-Screen, aber es stand weder der Name desjenigen, der die Defensio hielt, noch Zeitpunkt, noch in welchem Raum es abgehalten worden ist. Als ich heute, Freitag, 10.11.2017 wieder diese Mitteilung am Info-Screen sah, war zumindest eingeblendet, daß es heute wäre. Und zufällig traf ich am Nachmittag den zur Prüfung antretenden Herrn, welcher mir erklärte, daß seine Defensio heute um 16H00 wäre. Weshalb ich diese heute auch besuchte.

Sein Thema behandelte wie gesagt die Pfeilspitze, die im Körper Ötzi's gefunden worden war, bzw. eventuelle Auswirkungen.


Einleitung:

Nach einigen Probelmen eines "Vorführeffekts" begann er den Vortrag mit einer kleinen Einleitung über die Scapula, das Schulterblatt, in der ja die Pfeilspitze gefunden worden war. Die Scapula gilt als beweglichster Knochenund sie ist rein muskulär aufgehängt. Die Scapula gleitet daher über mehrere Muskel.

Als nächstes stellte er die 3D-Modelle von 3 "Modellorganismen" vor. Dies waren anonymisierte Daten, die der Proband für seine Arbeit erhalten hatte. Alle Modelle waren männlich und deren Alter lag bei 46, 62 und 86 Jahren. Diese Modelle waren nötig für den Thorax-Vergeleich mit Ötzi. Da bei Ötzi keine Gefäße mehr vorhanden sind, sollten diese Modelle helfen, herauszufinden wo die Gefäße bei Ötzi gelegen haben könnten und somit auch die Auswirkungen herausfinden, die die Pfeilspitze verursacht haben könnte. Die Gefäße wurden also auf Ötzi "projeziert".

Vermessung der Lage der Pfeilspitze:

Für die Vermessung der Lage der Pfeilspitze wurde der CT-Datensatz von Ötzi aus der Klinik in Linz von 1994 verwendet. Die restlichen CT-Datensätze waren 2017 von Patienten der Klinik Linz entstanden, die dem Probanden anonymisiert zur Verfügung gestellt wurden.

Mit der virtuellen Anthropologie kann haute viel erreicht werden, ohne das Original in irgend einer Weise beschädigen zu müssen. So können Röntgenaufnahmen, Oberflächenrenderings oder 3D-Drucke genauso gute Ergebnisse und Erkenntnisse liefern.
Heutzutage werden immer mehr 2D - & 3D - Daten verwendet, genauso wie die Bildregistrierung oder auch ein beweglicher 2D / 3D - Datensatz auf einen stationären 2D / 3D - Datensatz "draufgemapt" wird.


Landmarks:

82 Landmarks wurden in der jeweiligen Volumina definiert und mittels euklidischen Abstandes validiert. Die Landmarks wurden an Stellen gestzt, wo Rippen mit anderen Knochen zusammenkommen um das Volumen "im Käfig zu halten". Anders gelegte Landmarks hatten sich zu stark verschoben. Knochen sind die verläßlichsten Landmarks.


Segementieren:

Fürs segementieren wurden Modelle als Oberflächendatensätze in 3D-Slicer segmentiert. Der Thorax wurde als ein rigides Stück segmentiert. Dies war nötig für das Reponieren der Schulter.


Ergebnisse - Vermessung der Lage der Pfeilspitze des Ötzi:

Es wurden 2 "Arten von Pfeilspitzen" grafisch dargestellt. Rot, wie sie derzeit im Körper von Ötzi liegt und grün, wie sie womöglich eingedrungen sein könnte

Von der Lage der grünen Pfeilspitze ausgehend wurden 3 Punkte anvisiert und die Distanz zu diesen Punkten vermessen.

Diese betrugen:
a = 51 mm
b = 19 mm
c = 25 mm

Diese Messungen sollten helfen herauszufinden, wie die Pfeilspitze ursprünglich in den Körper eingedrungen sein könnte. Die derzeitige Distantz der Pfeilspitze, wie sie in Ötzi liegt:
 d = 25,2 mm.


Registrierung:

Bei der Regristrierung wurden die Gefäße auf Ötzi projeziert. Dabei wurden mehrere Algorithmen
verwendet:
händisch, rigid, similarity, affine & thin plate. "thin plate" war dabei der beste Algorithmus.


Lagebeziehung zu vitalen Strukturen:

Die Pfeilspitze wurde auf die verschiedenen Vergleichsmodelle projeziert. Die Pfeilspitze war dabei immer in der Nähe der Ateria subclavia oder der Vena subclavia, bzw. streifte eine der beiden.


Reponieren & Schussrichtung:

Das Reponieren zeigte, daß die Pfeilspitze eine andere Einschussrichtung hatte, als wie bisher angenommen. Das flachere Einschussloch zeigt, daß Ötzi in der Grube erschossen worden sein dürfte, in der er gefunden wurde.

Um dies nochmal zu untermauern, wurde wurde ein segmentiertes Schulterblat mit der Bild-Aufnahme von Ötzi überlagert, bei der das gleiche Ergebnis heraus kam.


Lage der Pfeilspitze zum anatomischen Kontext:

Auch wenn man den anatomichen Kontext miteinbezieht, wäre die Pfeilspitze trotzdem in der Nähe der Gefäße gewesen, bzw. hätte diese gestreift.


Conclusio:

Das erwartenden Ergebnis wurde erzielt, da offen war, in welche Richtung die ergebnisse sich entwickeln würden. Ötzi ist binnen kürzester Zeit am Tatort verstorben, da es eine potenzielle Vitalgefährdung durch die Pfeilspitze gab.
Das Schulterblatt war während des Schusses in einer Anteversion, also nach vorne gerichtet.

Die bekannte Steckschusshypothese dürfte eher fraglich sein.
Zudem wird vermutet, daß Ötzi bis zu 60 kg wog, heute aber nur mehr 12-15 kg. Es gab einen Volumenverlust, was auch eine Verlagerung der Pfeilspitze bewirkt haben dürfte. Dennoch hätte der Pfeil die Venen getroffen. Dennoch ist schwer zu sagen, wie sich die Weichteile zum Schulterblatt bewegt haben.


Aussicht:

In Zukunft soll es es eine komplette Thorax-Rekonstruktion von Ötzi mittels GPA anhand der 5. Rippe geben.


Das Titelbild der Defensio


Mein Fazit:

Ein sehr interessanter Vortrag. Vor allem meint man immer wieder, es wäre schon alles an Ötzi erforscht. Aber wie sich zeigt, kann immer noch an der berühmtesten und einzigen Mumie Österreichs erforscht werden. Und was nun die Todesursache anging: Die Südtiroler haben schon vermutet, daß die Pfeilspitze die Todesursache gewesen sein könnte, weil nicht klar, ob sie vielleicht doch nur eine nicht-lethale Verletzung war. Diese Defensio war eine Untermauerung, daß die Pfeilspitze für Ötzi tödlich war, da die Rekonstruktionen und Vergleiche gezeigt haben, daß die Pfeilspitze wichtige Arterien und Venen verletzt haben dürfte, die schlussendlich tödlich war.

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